← Alle Essays

Der Fisch des Tobias und die heilende Galle: Rafael, die Reise und die Pharmakopöe des Heiligen

Ein Essay über das Buch Tobias, apokryph unter den Hebräern und deuterokanonisch unter den Katholiken, sowie über den Engel Rafael als Meister einer geistlichen Pharmakopöe, in der das Gift zur Arznei wird.

Ein Buch am Rand, ein Schatz in der Mitte

Es gibt Bücher, die die kirchliche Geschichte an den Rand der Kanones gestellt hat, ohne ihnen jedoch ihren Glanz nehmen zu können. Das Buch Tobias ist einer dieser einzigartigen Fälle: apokryph für die jüdisch-rabbinische Tradition und für die protestantischen Konfessionen, deuterokanonisch für den Katholizismus und die östliche Orthodoxie, bleibt es in jedem Fall ein literarisches und geistliches Denkmal ersten Ranges. Wahrscheinlich zwischen dem dritten und zweiten Jahrhundert vor der gemeinsamen Zeitrechnung in jüdischem Milieu der Diaspora verfasst, erzählt der Text die Geschichte des Tobit, eines gerechten, durch einen Unfall erblindeten Mannes, und seines Sohnes Tobias, der auf eine Reise gesandt wird, um eine alte Schuld einzulösen, begleitet von einem geheimnisvollen Weggenossen, der sich als entfernter Verwandter ausgibt, in Wahrheit aber der Erzengel Rafael ist.

Was dieses Buch für den Erforscher des Heiligen kostbar macht, ist nicht allein seine Handlung – die für sich schon schön wäre, mit Elementen des Reiseromans, der familiären Prüfung und des engelhaften Eingreifens –, sondern die Art, wie es mit fast alchemistischer Zartheit den demütigsten Stoff der natürlichen Welt mit dem höchsten Wirken der Gnade verknüpft. Ein Fisch aus dem Fluss, dessen Eingeweide auf Anweisung des Engels aufbewahrt werden, werden zum Werkzeug zweier Heilungen: der der körperlichen Blindheit des Vaters und der geistlichen Bedrängnis, die die junge Sara, die künftige Gattin des Tobias, quälte. Darin liegt die Einladung dieses Essays: darüber nachzusinnen, wie das Buch Tobias in narrativer und symbolischer Sprache eine wahre Pharmakopöe des Heiligen vorwegnimmt, in der Leib, Geist und himmlisches Eingreifen einander begegnen, ohne sich zu vermengen.

Der Weggenosse und der Schleier der Identität

Eines der ergreifendsten Merkmale der Erzählung ist die Zurückhaltung, mit der sich der Engel vorstellt. Rafael steigt nicht in Herrlichkeit herab, kündigt sich nicht mit Trompeten an und drängt sich nicht als offenkundig übernatürliche Gestalt auf. Er schließt sich Tobias als Verwandter an, der sich anbietet, ihn auf der Reise zu begleiten, jemand, der den Weg kennt, der um einen bescheidenen Lohn verhandelt und sich auf den ersten Blick wie jeder erfahrene und hilfsbereite Mensch verhält. Diese Verhüllung ist keine eitle Täuschung, sondern Pädagogik: Das Heilige, wenn es unterweisen will, ohne die menschliche Freiheit zu erdrücken, kleidet sich häufig in Vertrautheit.

In dieser erzählerischen Entscheidung liegt eine Lehre, die die gesamte Angelologie der abrahamitischen Traditionen durchzieht: Die himmlischen Boten drängen sich selten durch spektakuläre Offensichtlichkeit auf. Vielmehr offenbaren sie sich als vorsehungsvolle Zufälle, als günstige Begegnungen, als Anwesenheiten, die sich erst im Rückblick als entscheidend erweisen. Der ernsthafte Erforscher des Okkulten und der aufrichtig Glaubende müssen hier gleiche Umsicht bewahren: Nicht jeder Weggenosse ist ein Engel, nicht jede unerwartete Hilfe ist himmlisch – doch die Erzählung des Tobias lehrt uns, wachsam zu bleiben, jene Unterscheidungskraft zu pflegen, die in der einfachen Geste und dem rechten Wort die Möglichkeit einer größeren Vorsehung erkennt, die durch das Gewöhnliche wirkt.

Der Fisch des Tigris und die verborgene Pharmakopöe

An den Ufern des Flusses Tigris ereignet sich die zentrale Episode unserer Betrachtung. Als Tobias sich die Füße im Wasser wäscht, wird er von einem Fisch erschreckender Größe angegriffen. Auf Anweisung des engelhaften Begleiters fängt er ihn und entnimmt ihm, genauer Anleitung folgend, Herz, Leber und Galle, die er wie eine kostbare Arznei aufbewahrt. Der übrige Teil des Tieres wird zubereitet und als gewöhnliche Speise verzehrt – eine Geste, die uns schon warnt: Das Heilige verachtet weder den Leib noch die alltägliche Nahrung, sondern entzieht ihm mit Unterscheidungsvermögen das, was einem höheren Zweck dient.

Diese Szene, gelesen durch die Linse der hermetischen und alchemistischen Tradition, klingt wie ein kleines Meisterwerk der großen Kunst in Miniatur: Aus dem rohen, scheinbar feindlichen und gefährlichen Stoff – denn der Fisch greift an, bevor er dient – wird jene Substanz gewonnen, die heilt. Die Galle, humoral mit Bitterkeit assoziiert und in manchen alten Deutungen mit dem Gift selbst, verwandelt sich in Salbe für die blinden Augen. Es gibt hier kein Versprechen eines augenblicklichen Wunders oder einer magischen Formel, die von unbedachter Hand nachgeahmt werden könnte; es gibt vielmehr ein dichtes Symbol: dass die Heilung sich oft verborgen in dem birgt, was wir fürchten, und dass die Verwandlung des Übels in das Gute sowohl das rechte Wissen als auch die Führung einer Weisheit erfordert, die uns übersteigt.

Die spätere alchemistische Tradition, christlich wie hermetisch, wird Widerhall dieser Episode in der Vorstellung finden, dass das Große Werk den Stein der Weisen nicht aus dem Edlen erschafft, sondern aus dem Niedrigen – aus verachtetem Stoff, aus Rückstand, aus dem, was der eilige Blick verwerfen würde. Das Buch Tobias lehrte schon Jahrhunderte vor den Laboratoriumstraktaten und den Kupferstichen der Athanoren, in der Sprache der weisheitlichen Fabel, dass sich das Göttliche gerne durch das Demütige offenbart und dass die Pharmakopöe des Geistes das Fleisch der Welt nicht verachtet, sondern es zum Gefäß der Gnade verwandelt.

Zwei Heilungen, ein einziges Erbarmen

Die auf die Augen Tobits aufgetragene Galle des Fisches gibt ihm die verlorene Sehkraft zurück. Doch schon zuvor dienen Herz und Leber desselben Tieres, auf Glut verbrannt nach Rafaels Anweisung, dazu, von Sara den Einfluss des Geistes zu vertreiben, der sie nach sieben gescheiterten Hochzeiten quälte. Zwei Heilungen also: eine des Körpers, jene Blindheit, die Alter und Unfall auferlegt hatten; eine andere von subtilerer Natur, eine Bedrängnis, die die Tradition in dämonischen Begriffen beschreibt, die der heutige Leser aber auch als Metapher für die Angst, die Furcht und die Vereinsamung verstehen kann, die manche Seelen ohne genauen Namen tragen.

Es ist bezeichnend, dass beide Heilungen von demselben Tier, derselben engelhaften Führung, derselben Reise abhängen. Dies deutet darauf hin, dass in der Weltsicht des heiligen Verfassers Leib und Geist keine getrennten Reiche sind, sondern Facetten eines einzigen verwundeten Daseins, das ein und dasselbe göttliche Erbarmen braucht, um sich zu heilen. Rafael, dessen Name im Hebräischen etwa 'Gott heilt' bedeutet, verteilt keine automatischen Kräfte und garantiert nicht, dass jede menschliche Not eine so offensichtliche Arznei findet wie die Galle eines Fisches. Was der Text lehrt, mit einer Nüchternheit, die wir in unserer Lesart bewahren müssen, ist, dass die Heilung – wenn sie kommt – häufig begleitet ist von Prüfung, Reise, Geduld und Unterscheidungsvermögen, niemals als von Tugend und Glauben losgelöster Glücksfall.

Die letzte Offenbarung und Rafaels Platz unter den Engeln

Am Ende der Erzählung, als die Familie Tobits ihren Reisebegleiter belohnen möchte, offenbart dieser sein wahres Wesen: Er ist einer der Engel, die vor der göttlichen Herrlichkeit stehen, gesandt, die Familie zu begleiten und ihre Frömmigkeit zu prüfen. Dieser Augenblick der Entschleierung ist keine himmlische Eitelkeit, sondern Belehrung: Alle Hilfe, die während der Reise empfangen wurde, entstand nicht aus einzelner menschlicher Klugheit, sondern aus der Gnade, die sich als gewöhnliche Gesellschaft verkleidete, um den freien Willen der Protagonisten nicht zu erdrücken.

Die spätere Tradition, sowohl in der jüdischen als auch in der christlichen Angelologie, wird Rafael unter die wichtigsten Erzengel stellen und ihn mit der Heilung, der Reise und dem Schutz jener verbinden, die sich auf den Weg machen – sei es ein physischer Weg, sei es eine innere Reise der Genesung. Es ist nicht Aufgabe dieses Essays, feste Lehren über himmlische Hierarchien zu behaupten, ein Thema, das je nach Schule und Konfession variiert; wohl aber ist es angebracht, in der Erzählung des Tobias eines der ältesten und zartesten Bilder dafür zu erkennen, wie das Heilige das menschliche Leiden begleiten kann, ohne jemals die Verantwortung und die Anstrengung des Leidenden aufzuheben. Rafael heilt nicht aus der Ferne, durch Erlass: Er geht an der Seite, lehrt, weist an, die Arznei mit den eigenen Händen des Bedürftigen zu sammeln und zuzubereiten.

Schlussbetrachtungen: die Alchemie des Erbarmens

Das Buch Tobias, am Rande der strengeren Kanones, bleibt im Zentrum einer dringlichen Reflexion über das Wesen der Heilung, der göttlichen Gesellschaft und des Wertes dessen, was die Welt verachtet. Es gibt hier kein Rezept zum Nachahmen, kein Versprechen, dass jede Not eine so klare Lösung findet wie die Galle eines Fisches aus dem Tigris. Es gibt vielmehr eine bleibende Einladung: anzuerkennen, dass sich das Heilige häufig als Zufall verkleidet, dass der demütigste Stoff eine kostbare Arznei verbergen kann, und dass jede wahre Heilung – körperlich oder geistlich – Reise, Geduld und Unterscheidungsvermögen erfordert, niemals aber Abkürzung oder Zwang.

Möge der Leser, wenn er über Rafael und den Fisch des Tobias nachsinnt, keine Formel finden, sondern einen Spiegel: die Erinnerung daran, dass das göttliche Erbarmen, wenn es sich zeigt, es vorzieht, als unauffälliger Begleiter an unserer Seite zu wandeln, statt sich als lärmendes Wunder aufzudrängen. Und dass wir bei der Durchfahrt durch unsere eigenen trüben Wasser mit Demut und freiem Willen zu unterscheiden wissen, was in unserem Schmerz eines Tages zur Arznei werden kann.

Eisenheim

Meistgelesen

  1. 1Die Wächter des Buches Henoch: Der Fall der Engel und der Ursprung des Bösen in der apokryphen Tradition
  2. 2Die Gewänder Adams: Der Körper als Symbol vor und nach dem Exil aus Eden
  3. 3Die Himmelsleiter Jakobs: Lebendiges Symbol der Kommunikation zwischen den Welten
  4. 4Die Wolke des Nicht-Wissens: die mystische Anonymität und der Weg der heiligen Unwissenheit
  5. 5Lilith und die Schalen des Begehrens: Eine ethische Lesart des Schattens in den Qliphoth
  6. 6Die Notaufnahme des Unsichtbaren: Spiritismus, Nächstenliebe und die Medialität als Heilberuf