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Der zerrissene Tempelvorhang: Über Initiation, Geheimnis und die Offenbarung des Heiligen

Ein Essay über die Symbolik des zerrissenen Vorhangs im Tempel zu Jerusalem und was er über Initiation, heiliges Geheimnis und die Grenzen spirituellen Wissens offenbart.

Der Vorhang als Archetyp des verhüllten Heiligen

In nahezu allen religiösen Traditionen, welche die Menschheit hervorgebracht hat, findet sich eine architektonische und rituelle Geste, die jeder Lehre vorausgeht: die des Trennens. Man trennt den gewöhnlichen Raum vom geweihten Raum, die profane Zeit von der liturgischen Zeit, den neugierigen Blick vom eingeweihten Blick. Der Vorhang — Gewebe, Vorhang, Wandschirm oder auch nur die von einer Schwelle gehütete Distanz — ist die Materialisierung dieser urtümlichen Geste. Er entspringt nicht dem Wunsch, aus Eitelkeit oder Furcht zu verbergen, sondern der uralten Einsicht, dass gewisse Wirklichkeiten der Vorbereitung bedürfen, um ohne Schaden für die sie empfangende Seele geschaut zu werden.

Im Tempel zu Jerusalem, wie er in den hebräischen Schriften beschrieben wird, trennte der Vorhang das Allerheiligste — den Ort der Gegenwart — vom übrigen heiligen Gebäude. Nur der Hohepriester durchschritt, zu einer bestimmten Zeit des liturgischen Kalenders, jene Grenze, und er tat dies in ehrfürchtiger Furcht, wissend, dass man dort nicht durch Verdienst eintritt, sondern durch Berufung und Ritus. Der Vorhang war also kein willkürliches Hindernis: er war Pädagogik. Er lehrte das Volk, dass das Heilige nicht wie eine Ware verzehrt wird, dass die Nähe zum Mysterium in Stufen erworben wird und dass jede wahre Offenbarung die innere Zeit dessen achtet, der sie empfängt.

Der Bericht vom zerrissenen Vorhang und seine Deutungen

Die christlichen Evangelien berichten, dass sich im Augenblick des Todes Jesu am Kreuz der Vorhang des Tempels von oben bis unten zerriss. Es ist eines der meistdiskutierten Ereignisse der christlichen Symbolik, und die Exegeten verschiedener Epochen haben dazu unterschiedliche Deutungen vorgelegt, ohne dass es diesem Essay zukäme zu behaupten, welche die einzig richtige sei — denn die heilige Hermeneutik lässt, wenn sie mit Redlichkeit betrieben wird, Sinnschichten zu, die einander nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Eine traditionelle Deutung, einem Großteil der christlichen Theologie teuer, versteht das Ereignis als die Verkündigung, dass der Zugang zum Heiligen nicht mehr ausschließlich durch eine Priesterkaste und ein bestimmtes Gebäude vermittelt wird, sondern jedem möglich wird, der sich im Geiste bereit erklärt, es zu suchen. Eine andere Deutung, der esoterischen und mystischen Empfindsamkeit näherstehend, erblickt im zerrissenen Vorhang das Bild einer erkenntnistheoretischen Grenze, die aufbricht: den Augenblick, in dem das menschliche Bewusstsein, von einem Ereignis äußerster Intensität berührt, dazu eingeladen wird zu erkennen, dass die Trennung zwischen Heiligem und Profanem in gewissem Maße eine für die geistige Reifung notwendige Konstruktion, nicht aber eine absolute und ewige Schranke ist.

Hier ziemt sich die Umsicht des Gelehrten: es geht weder darum, das Mysterium zu schmälern, noch es in eine bloße, jeder Transzendenz entleerte psychologische Allegorie zu verwandeln. Der zerrissene Vorhang bleibt für Millionen Gläubige ein theologisches Ereignis von einzigartigem Gewicht. Dem Studierenden der initiatischen Traditionen bietet er sich zugleich als mächtiges Bild dessen dar, was im Kleinen stets geschieht, wenn sich ein innerer Vorhang vor einer vorbereiteten Seele öffnet.

Initiation: das Geheimnis, das erzieht, bevor es offenbart

Die initiatischen Traditionen — von den antiken Mysterien von Eleusis und der Isis bis hin zu den freimaurerischen Logen, die heute Männer guten Willens unter dem Großen Baumeister aller Welten versammeln — haben stets mit der Vorstellung von Graden, Vorhängen und gehüteten Geheimnissen gearbeitet. Nicht aus dem Wunsch nach hochmütigem Ausschluss, sondern weil sie mit jahrhundertealter Weisheit begriffen haben, dass bestimmte Wahrheiten, vor der Zeit übergeben, eher verwirren als erleuchten. Das klassische initiatische Geheimnis ist keine Information, die aus dem Egoismus weniger verborgen wird; es ist Inhalt, der erst verständlich — und vor allem verwandelnd — wird, wenn der Kandidat den inneren Weg zurückgelegt hat, der ihn fähig macht, ihn zu empfangen.

Deshalb liegt das wahre freimaurerische, gnostische oder hermetische Geheimnis selten in einem Wort, Symbol oder einer Formel, die, einmal außerhalb ihres Zusammenhangs ausgesprochen, alles enthüllen würden. Das tiefste Geheimnis ist häufig per definitionem unübertragbar: es ist die im Ritus gelebte Erfahrung, der Wandel der Wahrnehmung, der sich im Kandidaten während der Zeremonie vollzieht, etwas, das keine schriftliche Beschreibung ersetzt, weil es nicht Gabe des Verstandes, sondern Durchquerung der Seele ist. Daher rührt der Grund, warum Meister aller Zeiten immer wieder betont haben, dass sich das freimaurerische Geheimnis zum Beispiel selbst hütet: wer die Initiation nicht durchlaufen hat, besitzt schlicht nicht den inneren Schlüssel, um zu verstehen, was er hören würde, selbst wenn man es ihm ins Ohr flüsterte.

Diese Pädagogik des allmählichen Vorhangs ist keiner einzelnen Tradition vorbehalten. Der Talmud bewahrt Berichte äußerster Vorsicht in der Lehre der Kabbala an noch nicht gereifte Personen; die Wüstenväter empfahlen den Novizen Zurückhaltung hinsichtlich der höchsten mystischen Erfahrungen; das Evangelium selbst spricht davon, denen Milch zu geben, die feste Speise noch nicht zu kauen vermögen. Der Vorhang ist also keine Erfindung des Okkultismus, sondern gemeinsames Erbe der religiösen Weisheit der Menschheit, aufmerksam für den Rhythmus, in dem die menschliche Seele reift.

Die Gefahren der vorzeitigen Offenbarung und der Entweihung

Wenn der Vorhang das Heilige schützt, muss man auch die Risiken seiner über das Notwendige hinaus starren Aufrechterhaltung anerkennen, ebenso wie die Risiken seines übereilten Zerreißens. Es gibt Traditionen, die aus übermäßigem Eifer das Geheimnis in ein Instrument der Kontrolle über Gewissen verwandelt haben und das Mysterium nutzten, um zu unterjochen statt zu erheben. Dagegen muss der ernsthafte Schüler jedes spirituellen Weges wachsam bleiben: heiliges Geheimnis sollte niemals der Nötigung, der Angst oder der Ausbeutung des Vertrauens anderer dienen. Wird der Vorhang zur Manipulation gebraucht, hat er seine ursprüngliche Funktion verloren und ist zum Vorhang der Unterdrückung geworden, nicht der Ehrfurcht.

Andererseits gibt es auch die entgegengesetzte Gefahr — in unserer Zeit beschleunigter Neugier und unterschiedslosen Informationsflusses häufiger anzutreffen —: Vorhänge aus Ungeduld zu zerreißen, Riten, Worte und Erfahrungen öffentlich zu machen, die vom zeremoniellen Kontext und der inneren Vorbereitung abhängen, um ihre rechtmäßige Wirkung zu entfalten. Geschieht dies, wird nicht eigentlich das Symbol entweiht — das in seinem Wesen unantastbar bleibt —, sondern dem Neugierigen die wahre Erfahrung vorenthalten, die nur die rituelle Durchquerung, zu ihrer eigenen Zeit gelebt, bieten könnte. Der aus Eitelkeit oder Eile zerrissene Vorhang offenbart selten mehr als die Eitelkeit dessen, der ihn zerriss.

Zwischen diesen beiden Übertreibungen — dem tyrannischen Geheimnis und der übereilten Offenbarung — liegt der Weg der Unterscheidung, den die weisen Traditionen stets empfohlen haben: mit Demut zu hüten, was gehütet werden muss, und mit Verantwortung zu offenbaren, was offenbart werden kann, wobei stets das geistige Wohl des Empfangenden als Maßstab gilt, nicht die Eitelkeit des Lehrenden oder das Verlangen nach Schauspiel des Lernenden.

Der innere Vorhang: die wahre Durchquerung

Am Ende jeder Meditation über Vorhänge, Tempel und Geheimnisse wird der aufrichtige Schüler zu einer einfachen und zugleich schwindelerregenden Feststellung geführt: der dichteste Vorhang ist nicht der aus Stein, Gewebe oder Eid — es ist der Vorhang, den jedes Bewusstsein über sich selbst trägt. Die Schichten von Eitelkeit, Furcht, Anhaftung und Unwissenheit, die die menschliche Seele bedecken, bilden das wahre Allerheiligste, zu dem es Zugang zu finden gilt, und keine Loge, kein Tempel, kein Grimoire zerreißt diesen Vorhang für uns; höchstens bieten sie den Ritus, das Symbol und die brüderliche Gemeinschaft, die der Seele helfen, ihn selbst zu zerreißen, in der Zeit und dem Maß, die ihr eigen sind.

Vielleicht ist dies der fruchtbarste Sinn — ohne den Anspruch, die übrigen zu erschöpfen —, den man dem Bild des zerrissenen Tempelvorhangs entnehmen kann: nicht nur die theologische Verkündigung eines neuen Bundes, sondern die immerwährende, sich in jeder Generation erneuernde Einladung, dass jeder Mensch erkenne, dass die Gottheit nicht ausschließlich in Gebäuden oder Institutionen wohnt, so ehrwürdig sie auch seien, sondern auch — und vor allem — im innersten Heiligtum des Bewusstseins, das sich mit Demut und Mut aufmacht, die Wahrheit zu suchen.

Möge der Leser, welcher Tradition er auch angehöre, die Gelassenheit dessen bewahren, der weiß, dass die Vorhänge existieren, um das Wachstum zu schützen, nicht um es ewig zu verhindern; und möge zur rechten Zeit, mit Vorbereitung, Unterscheidungsvermögen und Nächstenliebe, jeder notwendige Vorhang sich vor jenen öffnen, die mit Ehrfurcht und freiem Willen auf dem Weg beharren, ohne jemals Türen zu erzwingen, die zu durchschreiten ihnen noch nicht zusteht.

Eisenheim

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