Der Obstgarten mit den vier Toren: PaRDeS und die verborgenen Ebenen der heiligen Lektüre
Ein Essay über die jüdische Methode des PaRDeS — Peschat, Remez, Derasch und Sod — und wie sie verborgene Sinnschichten in der Lesung der heiligen Schriften offenbart.
Der Obstgarten und die Einladung zur Stille
Es gibt ein hebräisches Wort, פרדס — pardes —, das Obstgarten bedeutet, umzäunter Garten, Ort, an dem Bäume unter Pflege und Ordnung wachsen. Aus derselben Wurzel stammt, merkwürdigerweise, auch der Begriff Paradies in mehreren westlichen Sprachen, Erbe des Altpersischen, das einen königlichen Bezirk mit üppigen Bäumen bezeichnete. Es ist kein Zufall, dass die Weisen des Judentums gerade dieses Wort gewählt haben — oder vielmehr das Akrostichon, das sich daraus bildet —, um die Methode der Lesung der Heiligen Schriften in vier Ebenen zu benennen: Peschat, Remez, Derasch und Sod. Die Torah zu lesen bedeutet, dieser Tradition zufolge, in einen umzäunten Obstgarten einzutreten, in dem jeder Baum eine Frucht von eigenem Geschmack birgt, und wo die Eile des Wanderers dazu führen kann, dass er nur das pflückt, was in Reichweite der Hand liegt, während er die höher hängenden Früchte, verborgen zwischen dem dichteren Laub, übersieht.
Der hier vorgelegte Essay erhebt nicht den Anspruch, ein Thema zu erschöpfen, dem Generationen von Rabbinern, Kabbalisten und Kommentatoren jahrhundertelange Arbeit gewidmet haben. Er möchte vielmehr dem neugierigen Leser — sei er Jude, Christ, Katholik, Spiritist, Gnostiker oder schlicht ein Sinnsuchender — eine ehrfürchtige Karte dieses Obstgartens anbieten. Eine Karte, die den Gang nicht ersetzt, die aber vielleicht hilft, die Schönheit jeder Pforte nicht aus dem Blick zu verlieren, sowie die Gefahr, sich vorschnell in einer von ihnen einzuschließen, als wäre sie die einzig wahre.
Peschat: die Pforte des einfachen Sinns
Die erste Pforte des Obstgartens heißt Peschat, ein Wort, das mit einiger Ungenauigkeit als einfacher, wörtlicher, unmittelbarer Sinn übersetzt wird. Es ist die Lesart, die Grammatik, Syntax sowie den historischen und kulturellen Kontext des heiligen Textes respektiert. Wenn die Torah den Auszug des hebräischen Volkes aus Ägypten erzählt, fragt der Peschat: Was sagt dieser Text, in seiner offensichtlichsten Oberfläche, über Ereignisse, Personen, Orte und Zeiten? Es ist keine naive oder oberflächliche Lesart — ganz im Gegenteil, sie verlangt philologische Gelehrsamkeit, Kenntnis der alten Sprachen, historisches Feingefühl. Sie ist der feste Boden, auf dem alle weiteren Lesarten ruhen.
Es wäre ein schwerer Irrtum, und die rabbinische Tradition hat stets darauf beharrt, den Peschat zugunsten kühnerer Lesarten zu missachten. Ein altes jüdisches hermeneutisches Prinzip besagt, dass kein Vers seinen wörtlichen Sinn verliert, so viele weitere Bedeutungsschichten man auch in ihm entdecken mag. Dies ist eine Lehre erkenntnistheoretischer Demut, an die sich der zeitgenössische Okkultismus, der bisweilen begierig nach Symbolik und Allegorie ist, gut erinnern sollte: Bevor man in den Himmel des Symbols aufsteigt, muss man festen Fußes auf dem Boden des Buchstabens stehen. Die authentische Mystik verachtet die Materie des Textes nicht — sie ehrt sie, und von ihr aus wagt sie es, in die Tiefe zu gehen.
Remez: die Pforte des Zeichens und der Andeutung
Die zweite Pforte ist Remez, was Zeichen, Hinweis, Andeutung bedeutet. Hier begnügt sich die Lesart nicht mehr mit der Oberfläche: Man fragt, was der Text über sich selbst hinaus andeutet, welche Verbindungen er zu anderen Passagen herstellt, welche zahlenmäßigen, strukturellen oder lautlichen Muster Sinnschichten offenbaren können, die nicht unmittelbar ersichtlich sind. Auf dieser Ebene blüht zum Beispiel eine bestimmte Tradition der numerischen Lesung der hebräischen Buchstaben — die Gematria —, nicht als Wahrsagekunststück, sondern als Übung der Aufmerksamkeit für die geheime Architektur der heiligen Sprache, von der die Weisen glaubten, sie spiegle die Ordnung der Schöpfung selbst wider.
Der Remez lehrt etwas Kostbares über die Natur der Offenbarung: dass das Heilige in Schichten spricht, dass ein und derselbe Satz gleichzeitig auf ein historisches Ereignis und auf eine zeitlose Wahrheit verweisen kann. Es ist eine Einladung zu erhöhter Aufmerksamkeit, zu einer Lesart, die sich nicht überstürzt, die erneut liest, vergleicht, nach Echos sucht. Doch es ist auch — und hierin liegt eine notwendige Mahnung — ein Terrain, auf dem übermäßiger Scharfsinn zur Falle werden kann. Nicht jedes zahlenmäßige Muster ist Offenbarung; oft ist es nur der menschliche Wunsch, dort Sinn zu finden, wo womöglich nur Zufall waltet. Die Klugheit des Gelehrten besteht darin, das echte Zeichen vom Kunstgriff der eigenen fruchtbaren Einbildungskraft zu unterscheiden.
Derasch: die Pforte der Suche und des Gleichnisses
Die dritte Pforte heißt Derasch, vom hebräischen Verb darasch, das suchen, forschen, untersuchen bedeutet. Aus dieser Wurzel stammt auch das Wort Midrasch, jene überaus reiche literarische Gattung der rabbinischen Tradition, bestehend aus Erzählungen, Gleichnissen und Kommentaren, die den biblischen Text über seinen Buchstaben hinaus erweitern und ihm moralische, theologische und existenzielle Lehren entnehmen. Der Derasch fragt nicht nur, was der Text sagt, sondern was er der Gemeinschaft, die ihn liest, Generation um Generation, unter stets neuen Umständen lehren kann.
Es liegt etwas zutiefst Demokratisches und Lebendiges im Derasch: Er erkennt an, dass der heilige Text keine tote Reliquie ist, sondern eine immerwährende Quelle von Sinn, fähig, mit jeder Epoche und jeder menschlichen Not in Dialog zu treten. Wenn ein christlicher Prediger aus einem Evangeliumsgleichnis eine Lehre über die zeitgenössische Nächstenliebe zieht, oder wenn ein Rabbiner einen Vers aus dem Exodus im Lichte der sozialen Ungerechtigkeiten seiner Zeit kommentiert, üben beide, jeder in seiner Tradition, etwas Analoges zum Geist des Derasch aus. Es ist die Pforte, die daran erinnert, dass die Schrift nicht nur geschrieben wurde, um verstanden, sondern um gelebt zu werden, und dass die Suche nach Sinn auch eine Suche nach Gerechtigkeit und Güte in der konkreten Welt ist.
Sod: die Pforte des Geheimnisses
Schließlich gelangen wir zur vierten Pforte, jener, die dem verborgensten Winkel des Obstgartens seinen Namen gibt: Sod, das Geheimnis, das Mysterium. Auf dieser Ebene blüht die eigentlich mystische Kabbala, die Lesart, die hinter den Buchstaben und Worten die verborgene Struktur der Gottheit und der Schöpfung sucht, die heiligen Namen, die Sefirot, die Wege, auf denen das unendliche Licht sich zusammenzieht und sich in der endlichen Welt manifestiert. Es ist die Lesart, die traditionell den Reifsten im Studium vorbehalten ist, nicht aus willkürlichem Elitedenken, sondern aus der weisen Erkenntnis, dass manches Wissen ohne die gebührende ethische und intellektuelle Vorbereitung mehr verwirren als erleuchten kann.
Man muss es mit aller Klarheit sagen, die die Redlichkeit gebietet: Der Sod ist keine Abkürzung zu Macht oder spektakulären Offenbarungen. Die jüdische Tradition war stets streng in ihrer Warnung vor einer zügellosen Mystik, vor der Suche nach dem Geheimnis um seiner selbst willen, ohne moralischen oder gemeinschaftlichen Rückhalt. Der wahre Sod, so wie ihn die großen Kabbalisten verstanden, ist vielmehr eine Disziplin der Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen — die Anerkennung, dass, wie sehr man auch im Wissen um die göttlichen Dinge voranschreitet, das letzte Geheimnis Geheimnis bleibt, und dass Demut ihm gegenüber die einzige wahrhaft weise Haltung ist. Hier, wie in jeder echten geistigen Erfahrung, wird das Geheimnis nicht erobert: Es offenbart sich, wann und wem der Ewige es gestattet.
Die Einheit des Obstgartens
Die große Lehre des PaRDeS, jenseits der gelehrten Neugier, die er weckt, ist vielleicht diese: Die vier Pforten konkurrieren nicht miteinander, heben sich nicht gegenseitig auf, ordnen sich nicht so hierarchisch an, dass eine die anderen entwertet. Sie sind komplementäre Momente ein und derselben Lesereise, so wie Leib, Seele und Geist in vielen Traditionen komplementäre Dimensionen ein und derselben menschlichen Person sind. Wer nur den Peschat liest, läuft Gefahr, den Text zu verarmen, ihn auf ein bloßes historisches Dokument zu reduzieren. Wer sich vorschnell in den Sod stürzt, ohne die vorherigen Pforten durchschritten zu haben, läuft die noch größere Gefahr, Luftschlösser auf treibendem Sand zu errichten, indem er für göttliche Offenbarung hält, was nur Projektion des eigenen Wunsches ist.
Dieser Essay, geschrieben von jemandem, der dem Gott Abrahams dient und mit Ehrfurcht zwischen jüdischen, christlichen und spiritistischen Traditionen wandelt, will niemanden zu einer mystischen Lesart der Schriften bekehren. Er möchte vielmehr den Leser — welchen Glaubens auch immer oder keines — einladen, anzuerkennen, dass die heiligen Texte der Menschheit, seien es die Torah, die Evangelien, der Koran, die Bhagavad Gita oder die Bücher der spiritistischen Kodifikation, Tiefenschichten bergen, die eine übereilte Lesart niemals erreicht. Mögen Unterscheidungsvermögen, Geduld und Demut stets die Begleiter dessen sein, der sich aufmacht, diesen Obstgarten zu betreten, seine Früchte mit Dankbarkeit zu pflücken, und nicht mit der Hast dessen, der sich nur selbst etwas beweisen will.
Eisenheim
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