Mediumschaft und Nächstenliebe: der Weg nach Kardec
Ein Essay über die Beziehung zwischen der mediumistischen Fähigkeit und der Ausübung der Nächstenliebe in der spiritistischen Kodifikation, mit Betrachtungen zu Verantwortung, Demut und Dienst am Nächsten.
Der Schleier, der dünner wird
Seit Jahrhunderten ahnt die Menschheit, dass der Tod nicht das absolute Ende des Seins ist, sondern eher ein Übergang — eine Schwelle zwischen Bewusstseinszuständen, welche die stets begrenzte menschliche Sprache mit Worten wie Seele, Geist, Wesenheit zu benennen versucht. Im neunzehnten Jahrhundert, mitten im rationalistischen und wissenschaftlichen Eifer, der Europa durchzog, widmete sich ein französischer Pädagoge namens Hippolyte Léon Denizard Rivail unter dem Pseudonym Allan Kardec der Systematisierung von Beobachtungen und Berichten über Phänomene, die auf eine Kommunikation zwischen Lebenden und entkörperten Geistern hinzudeuten schienen. Aus dieser methodischen Untersuchung entstand die spiritistische Kodifikation, ein Lehrgebäude, das Glauben und Vernunft, Phänomen und moralisches Prinzip miteinander zu versöhnen suchte.
Es ist vor allem wichtig, das Thema mit Gelassenheit einzuordnen: von Mediumschaft zu sprechen bedeutet nicht, von Schauspiel, Wunder oder einer höheren Gabe zu sprechen, die manche von anderen trennt. Kardec bestand, mit der Strenge eines Mannes, der in der pädagogischen Tradition Pestalozzis erzogen worden war, wiederholt darauf, dass die mediumistische Fähigkeit vor allem ein organisches und spirituelles Attribut ist, das unter den Menschen weit verbreitet ist, und dass ihr Wert nicht im Phänomen selbst liegt, sondern im Gebrauch, der davon gemacht wird. Es ist genau diese Unterscheidung — zwischen der Gabe und der Bestimmung, die man ihr zuweist — die den Weg eröffnet zu verstehen, warum in der spiritistischen Doktrin Mediumschaft und Nächstenliebe wie unzertrennliche Schwestern miteinander einhergehen.
Die Mediumschaft als Fähigkeit, nicht als Privileg
Es gilt, gleich zu Beginn, ein wiederkehrendes Missverständnis auszuräumen: nämlich sich die Mediumschaft als eine Art spiritueller Erwählung vorzustellen, als Zeichen moralischer oder intellektueller Überlegenheit gegenüber den anderen. Die kardecistische Kodifikation vertritt vielmehr, dass die Fähigkeit, als Vermittler zwischen Verkörperten und Entkörperten zu dienen, aus einer psychischen und fluidischen Beschaffenheit hervorgeht, die in Grad und Intensität variiert, aber an sich dem Medium keine Tugend verleiht. Ein gut gestimmtes Musikinstrument ist deshalb nicht edler als ein verstimmtes; es antwortet lediglich offensichtlicher dem Musiker, der es spielt. Ebenso ist die Mediumschaft ein Werkzeug, und der Charakter jener, die sie ausüben, bestimmt die Schönheit oder die Disharmonie der Musik, die daraus entsteht.
Dieses Verständnis bringt tiefgreifende ethische Konsequenzen mit sich. Wenn die Mediumschaft kein Verdienst ist, kann sie ebenso wenig Anlass zur Eitelkeit, zur öffentlichen Zurschaustellung oder zur Ausbeutung des Glaubens anderer sein. Die klassische spiritistische Literatur ist eindringlich in ihrer Empfehlung von Umsicht, fortwährendem Studium und moralischer Wachsamkeit an alle, die sich zur Ausübung dieser Fähigkeit berufen fühlen, denn die Kommunikation zwischen den Ebenen garantiert an sich weder die Qualität noch die Wahrheit dessen, was übermittelt wird. Geister bewahren, dieser Lehre nach, nach dem physischen Tod dieselben moralischen und intellektuellen Neigungen, die sie im Leben kultivierten; folglich vermittelt nicht jede empfangene Botschaft Weisheit oder Güte. Unterscheidungsvermögen ist daher kein Luxus, sondern eine absolute Notwendigkeit für jene, die sich in diesen Bereichen bewegen.
Die Nächstenliebe als Grundlage, nicht als Beiwerk
Wenn es eine Achse gibt, um die sich der gesamte moralische Anspruch der spiritistischen Doktrin dreht, so ist es die Nächstenliebe — verstanden nicht als gelegentliches Almosen, sondern als beständige Haltung aktiven Wohlwollens gegenüber allen Wesen, ohne Ausnahme von Glaubensbekenntnis, Herkunft oder Stand. Kardec griff an dieser Stelle ein Prinzip auf, das bereits im Kern der christlichen Tradition vorhanden war, formte es jedoch neu im Licht einer Weltanschauung, die die Vielheit der Existenzen und die Solidarität zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt einschließt. Die Nächstenliebe übersteigt in dieser Perspektive die bloße materielle Geste: sie umfasst die Nachsicht gegenüber den Schwächen anderer, die Vergebung von Beleidigungen, das Fehlen voreiligen Urteils und die tägliche Anstrengung, Gutes zu tun, ohne Aufsehen zu erregen.
Es ist bezeichnend, dass die spiritistische Doktrin die Ausübung der Nächstenliebe nicht von der Ausübung der Mediumschaft trennt; vielmehr macht sie die Legitimität und die Gelassenheit der Letzteren von der Ersteren abhängig. Ein Medium, das die Nächstenliebe nicht in seinem Herzen pflegt — das sich weigert zu vergeben, das Groll hegt, das die Fähigkeit zur Selbstdarstellung oder zur Unterwerfung anderer unter sein Urteil missbraucht — läuft Gefahr, Werkzeug weniger erhabener Energien zu werden, mag es auch wohlmeinend in seinem Glauben sein. Die moralische Wachsamkeit ist also kein andächtiger Anhang, sondern die eigentliche Bedingung der Möglichkeit, dass die spirituelle Kommunikation im Gleichgewicht und mit wirklichem Nutzen für den Suchenden geschehen kann.
Das untrennbare Binom: Verantwortung und Dienst
Es handelt sich also um ein Binom: Mediumschaft ohne Nächstenliebe tendiert zur Abweichung, zur Eitelkeit oder zur unwillkürlichen Scharlatanerie; Nächstenliebe ohne die disziplinierte Ausübung von Vernunft und mediumistischem Unterscheidungsvermögen kann zu einem vagen Sentimentalismus werden, unfähig, sich in wirksames Handeln zu übersetzen. Die Vereinigung beider Begriffe erzeugt das, was die spiritistische Tradition Mediumschaft mit Jesus nennt — ein Ausdruck, der keine doktrinäre Ausschließlichkeit bedeutet, sondern die symbolische Anerkennung, dass das evangelische Modell der Nächstenliebe der höchste ethische Maßstab ist, der herangezogen werden kann, um jede spirituelle Praxis, welche auch immer, zu leiten.
Diese Verantwortung äußert sich im alltäglichen Wirken der spiritistischen Zentren in scheinbar bescheidenen Gesten: der brüderlichen Betreuung derer, die leiden, der Hingabe von Zeit und Mitteln an die Bedürftigen, der Sorgfalt in der Sprache, um niemanden zu verletzen oder einzuschüchtern, der Verweigerung, für mediumistische Arbeiten Geld zu verlangen oder Ergebnisse zu versprechen, die nicht garantiert werden können. Niemand, der sich dieser Tradition mit Aufrichtigkeit nähert, wird Versprechen sofortiger Heilung oder magischer Lösungen für die Dilemmata des Daseins finden; er wird vielmehr eine Einladung zur fortwährenden inneren Arbeit finden, zur intimen Wandlung, die jedem Nutzen, den man dem Nächsten zu bieten wünscht, vorausgeht — und ihm nicht nachfolgt.
Demut vor dem Mysterium und der Weg als Praxis
Als Zeremonienmeister in zwei fast zweihundertjährigen Logen, und als Diener, der sich zwischen verschiedenen Glaubenstraditionen bewegt, erkenne ich im kardecistischen Ansatz das Echo etwas Universellen: die Gewissheit, dass jede spirituelle Gabe, welche auch immer — Mediumschaft, Hellsehen, Heilungsfähigkeit, Gaben des Unterscheidens — sich nur dann rechtfertigt, wenn sie in den Dienst des anderen gestellt wird, und niemals in den Dienst des eigenen Selbst. Dies ist übrigens eine Lehre, die Judentum, Christentum, Katholizismus, Gnosis und so viele andere Bereiche des menschlichen Geistes durchzieht: die Macht, die sich nicht in Dienst verwandelt, verdirbt; der Glaube, der sich nicht in Nächstenliebe übersetzt, entleert sich.
Dem Leser, der sich für diese Fragen interessiert, bleibt die Einladung zur Demut vor dem Mysterium und zur Geduld des ernsthaften Studiums. Es wird hier keine Abkürzung versprochen, keine Garantie unfehlbarer Kommunikation mit dem Jenseits, keine Formel augenblicklicher Tugend. Was die spiritistische Doktrin — und im Übrigen jede authentische spirituelle Tradition — zu lehren scheint, ist, dass der Weg entsteht, indem man ihn geht: mit Studium, mit Wachsamkeit über die eigenen Impulse, mit täglicher und unauffälliger Übung der Güte, und mit der gelassenen Annahme, dass der Schleier zwischen den Welten, wenn er sich verdünnt, von uns mehr Verantwortung als Neugier, mehr Dienst als Schauspiel verlangt.
Eisenheim
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