Ophiel und der Gürtel des Merkur: Die Ars Transportandi des Arbatel und die feinstoffliche Verschiebung des Willens
Ein Essay über Ophiel, den olympischen Gouverneur des Merkur im Arbatel, und die symbolische Kunst der feinstofflichen Verschiebung des menschlichen Willens zwischen den Seinsebenen.
Das Arbatel und die himmlische Architektur der Sieben Gouverneure
Im Jahre 1575 in Basel veröffentlicht, nimmt das Arbatel de Magia Veterum einen eigentümlichen Platz in der okkultistischen Literatur der Renaissance ein: Es handelt sich weder um ein Grimoire dämonischer Beschwörungen noch um ein Handbuch der Nekromantie, sondern um eine Abhandlung von philosophischem und andächtigem Ton, in der die Magie als eine von Gott jenen gewährte Weisheit dargestellt wird, die Ihn in Furcht und Demut suchen. Auf diesem Boden — mehr theologisch als finster — erblüht die Lehre der sieben Olympischen Gouverneure, herrschender Geister, die je einer der klassischen planetarischen Sphären vorstehen: Aratron des Saturn, Bethor des Jupiter, Phaleg des Mars, Och der Sonne, Hagith der Venus, Ophiel des Merkur und Phul des Mondes.
Diese Sieben sind keine Dämonen, die durch Siegel und Drohungen zu bezwingen wären, wie man es in manch vorschneller Lesart der Goetia darstellt, sondern vielmehr ordnende Intelligenzen, die in ihrer Funktion — bei aller gebotenen doktrinären Distanz — den herrschenden Erzengeln weiter gefasster angelischer Traditionen ähneln. Ihre Autorität, so der Text, erstreckt sich über bestimmte Zeiträume, und ihre Natur spiegelt getreu die Tugenden wider, die dem von ihnen regierten Gestirn zugeschrieben werden: Saturn in der Schwere und im Rückzug, Jupiter in der Ausdehnung und der Gerechtigkeit, Mars in der Kraft und dem Ungestüm, die Sonne in der Zentralität und dem Glanz, Venus in der Anziehung und der Harmonie, der Mond in der Wandelbarkeit und dem Fluss — und Merkur, wie wir sehen werden, im Wort, in der Bewegung und im Übergang.
Dem Studierenden, der sich dem Arbatel zum ersten Mal nähert, sei ins Gedächtnis gerufen, dass sein Anliegen nicht die Anhäufung von Kräften ist, sondern die Pflege einer rechten Beziehung zwischen dem Menschen und der kosmischen Ordnung, die der Schöpfer eingesetzt hat. Die Olympischen Gouverneure sind in dieser Lesart weniger Werkzeuge der Eroberung als Spiegel: Jede an sie gerichtete Operation ist in gewissem Sinne eine als Zeremonie getarnte Übung der Selbsterkenntnis.
Ophiel: Die merkuriale Signatur in der olympischen Hierarchie
Ophiel empfängt vom Text des sechzehnten Jahrhunderts die Herrschaft über Merkur und erbt damit die ganze symbolische Fülle, die die antike Welt diesem ruhelosen Planeten zugeschrieben hat. Hermes Trismegistos, der Merkur der Ägypter und Griechen, in der hermetischen Tradition zu einer einzigen Gestalt verschmolzen, war schon lange vor dem Arbatel der Bote zwischen Göttern und Menschen, der Psychopompos, der die Seelen geleitet, der Schutzherr der Sprache, des Handels, der Schrift und jeder Form der Übersetzung — sei es von einer Sprache in eine andere, sei es von einer Seinsebene in eine andere. Ophiel führt in diesem Sinne keinen neuen Charakter in die okkultistische Literatur ein, sondern greift eine uralte archetypische Funktion auf und tauft sie unter der dem Arbatel eigenen Nomenklatur.
Die Ophiel traditionell zugeschriebenen Tugenden betreffen den regen Verstand, die Beredsamkeit, die Beherrschung der freien Künste, die Fähigkeit zum Verhandeln und das Verständnis natürlicher Geheimnisse, die Feinsinnigkeit erfordern, um erfasst zu werden. Es ist kein Zufall, dass spätere Autoren, bereits im zwanzigsten Jahrhundert, ihren Blick auf diesen Gouverneur richteten, um Themen wie die Kommunikation zwischen Bewusstseinsebenen, die Astralreise und jenes zu behandeln, was gewisse moderne Literatur mit dichterischer Freiheit die Verschiebung des feinstofflichen Körpers nannte — ein Ausdruck, den wir hier mit der gebotenen kritischen Zurückhaltung als Metapher eines inneren Prozesses verstehen, eher denn als wörtliche Beschreibung eines physischen Phänomens.
Es sei jedoch angemerkt, dass der Text des Arbatel selbst an operativen Einzelheiten spärlich ist und dass ein Großteil dessen, was man Ophiel im Laufe der Jahrhunderte zuschrieb, aus aufeinanderfolgenden Schichten von Kommentar und Neuinterpretation herrührt. Der besonnene Studierende tut gut daran, den nüchternen, andächtigen, vorsichtigen Kern des sechzehnten Jahrhunderts von späteren Ausarbeitungen zu unterscheiden, die bisweilen kühner in ihren Verheißungen sind, als die erste Quelle es je autorisiert hätte.
Die Ars Transportandi: Verschiebung als spirituelle Metapher
Der Ausdruck Ars Transportandi, den ich dem Titel dieses Essays entlehne, stellt keine wörtliche Rubrik des Arbatel dar, sondern eine von mir vorgeschlagene Zusammenfassung dessen, was die mit Ophiel verbundene Tradition nahelegt: eine Kunst der Verschiebung, die nicht primär physisch, sondern feinstofflich ist — der Übergang der Aufmerksamkeit, des Willens und der schöpferischen Vorstellungskraft zwischen Bewusstseinszuständen, zwischen Lebensumständen, zwischen Weisen, die eigene Existenz zu verstehen. Von Transport zu sprechen bedeutet hier weniger, den Körper zu verlassen, um ätherische Landschaften zu durchqueren — ein der theosophischen und neospiritistischen Literatur teures Thema —, als vielmehr eine innere Disziplin des Perspektivenwechsels, des Verlassens jenes Ortes, an dem die Seele erstarrt ist.
In der spirituellen Erfahrung vieler Traditionen findet sich immer wieder die Erkenntnis, dass der wahre Übergang nicht geographisch, sondern existenziell ist: das hebräische Volk, das die Wüste auf dem Weg zum Gelobten Land durchquert, der christliche Pilger auf der Suche nach dem himmlischen Jerusalem, der spiritistische Sucher, der in der Reinkarnation eine Abfolge evolutionärer Übergänge erkennt, der freimaurerische Eingeweihte, der Stufe um Stufe eine symbolische Leiter dem Licht entgegen ersteigt. Ophiel wäre unter diesem Blickwinkel weniger ein Geist, der Körper durch den Raum transportiert, als vielmehr ein archetypisches Prinzip, das jedem Übergang vorsteht — dem Übertritt von einem Zustand geringeren Bewusstseins zu einem Zustand größerer Klarheit.
Der Magier, der sich in Gebet und Zeremonie an diesen Gouverneur wendet — stets, sei betont, innerhalb der Grenzen von Ehrfurcht und Demut, die das Arbatel selbst vorschreibt —, sucht nicht, sich selbst zu entfliehen, sondern vielmehr jene Unterscheidungsgabe zu erlangen, die erkennen lässt, wann es Zeit zum Aufbruch und wann Zeit zum Verweilen ist, wann der Wille nachgeben und wann er voranschreiten muss. Keine magische Operation, wie sorgfältig sie auch durchgeführt sei, ersetzt die Übung der Klugheit und die geduldige Reifung, die jede wahre Veränderung erfordert.
Der Gürtel des Merkur: Symbol von Bändigung und Bewegung
Das Bild des Gürtels — in verschiedenen Mythologien als Objekt der Kraft, des Schutzes oder der Bindung gegenwärtig, vom Gürtel des Orion bis zum liturgischen Zingulum der priesterlichen Gewänder — eignet sich in besonderer Weise zur Meditation über Merkur, jenen Planeten, der als der sonnennächste die schnellste und zugleich am engsten begrenzte Umlaufbahn des ganzen Systems beschreibt. Von einem Gürtel des Merkur zu sprechen bedeutet in diesem Essay, jene doppelte Natur heraufzubeschwören: die beständige Bewegung und die disziplinierte Nähe zur Quelle des Lichts. Es gibt keine echte Merkurialität ohne diese Spannung zwischen der Geschwindigkeit des Geistes und der Treue zu einem Zentrum, das sie ordnet; das Denken, das sich ohne Achse zerstreut, ist keine Gewandtheit, sondern Zerfahrenheit.
Symbolisch markiert der Gürtel auch die Taille des menschlichen Körpers, jenen Gelenkpunkt zwischen dem, was oben liegt — das Herz, der Verstand, das Streben — und dem, was unten liegt — der verkörperte Wille, das Handeln in der stofflichen Welt. Ein Gürtel des Merkur, poetisch verstanden, wäre das, was diese beiden Hälften des Seins umschließt und verbindet, sodass sich die feinstoffliche Intelligenz in konkrete Geste übersetzt, ohne ihre Leichtigkeit zu verlieren, und das Handeln in der Welt nicht zur bloßen leeren Unruhe wird, sondern zum Gefäß eines höheren Zwecks.
In diesem Sinne zielt die Ophiel geweihte Operation — und jedes olympische Werk, das diesen Namen verdient — nicht darauf, dem Ausführenden außerordentliche Fortbewegungskräfte zu verleihen, ein Versprechen, das kein ernsthafter Autor machen würde und das dieser Schreiber gewiss nicht unterschreibt, sondern vielmehr darauf, in ihm jene Eigenschaft der geistigen Taille zu pflegen: die Fähigkeit, mitten in der Bewegung zentriert zu bleiben, die Umstände des Lebens zu durchqueren, ohne sich in ihnen zu verlieren, den Gedanken in Handlung zu übersetzen mit der Treue dessen, der weiß, welcher Quelle er Rechenschaft schuldet.
Unterscheidungsvermögen, freier Wille und die Grenzen der Praxis
Jedes Vordringen in das Gebiet der Olympischen Gouverneure — und Ophiel bildet keine Ausnahme — verlangt vom Studierenden eine Geisteshaltung, die das Arbatel niemals aufhört zu empfehlen: Gottesfurcht, Reinheit der Absicht und die Erkenntnis, dass empfangene Gaben, wenn sie empfangen werden, aus Gnade und nicht aus einem Eroberungsrecht kommen. Es gibt keine Formel, die Kontakt, Ergebnis oder Nutzen garantiert; es gibt vielmehr eine geduldige Pflege der Beziehung zwischen dem Suchenden und dem Geheimnis, das er verehrt, mag dieses Geheimnis nun in hermetischer, angelischer, kabbalistischer Sprache oder gemäß dem christlichen, jüdischen oder spiritistischen Glauben benannt sein, der im Herzen eines jeden Lesers wohnt.
Es ist der ernsthaften Zeremonialmagie eigen — die sich sowohl vom sensationsheischenden Kurpfuschertum als auch vom naiven Aberglauben unterscheidet —, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Keine Anrufung ersetzt die innere Arbeit der Unterscheidung; kein Symbol, mag seine Genealogie noch so ehrwürdig sein, entbindet vom Gebrauch der Vernunft und der Nächstenliebe. Der wahre alchemistische Merkur, so lehrte die alte hermetische Tradition, ist nicht das flüssige Metall der Laboratorien, sondern jene Intelligenz, die Gegensätze zu vereinen weiß, ohne sich in einem von ihnen zu verlieren — und dies ist vielleicht die dauerhafteste Lehre, die Ophiel jenem zu bieten hat, der ihn ernsthaft studiert.
Möge der an diesen Themen interessierte Leser sich ihnen also nicht nähern wie jemand, der Abkürzungen zum Reichtum oder zur augenblicklichen Heilung seiner Übel sucht, Versprechen, die dieser Autor niemals machen würde und die die hermetische Tradition selbst als Gemeinheit zurückweisen würde, sondern wie jemand, der sich einer langen und nüchternen Übung der Selbsterkenntnis unterzieht, unter der beständigen Obhut des eigenen moralischen Gewissens und des freien Willens, den Gott jeder Seele gewährt hat.
Eisenheim
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